Was ist ASMR? Mehr als nur Flüstern!

ASMR

Hast Du schon einmal etwas von ASMR gehört? Falls nicht, ist das auch nicht schlimm. Denn der Begriff ist noch relativ neu. Was sich hinter der Abkürzung verbirgt, möchte ich Dir in diesem Beitrag erklären. Außer der Definition und der Geschichte von ASMR stelle ich Dir Klangbeispiele sowie wissenschaftliche Erkenntnisse vor.

Definition des Begriffes

Zunächst einmal ist ASMR eine Abkürzung und steht für „Autonomous Sensory Meridian Response“. Dies lässt sich ins Deutsche übersetzen mit „Autonome Sensorische Meridian-Reaktion“. Doch wahrscheinlich hast Du jetzt auch nicht unbedingt eine klare Vorstellung, was sich hinter dem Begriff verbirgt. Lass uns trotzdem die Wort-Fragmente einzeln betrachten.

  • Autonom: bedeutet so viel wie unabhängig
  • Sensorisch: beschreibt alles, was mit den (menschlichen) Sinnesorganen zu tun hat
  • Meridian: ist in der TCM (= Traditionellen Chinesischen Medizin) der Fachausdruck für eine Leitbahn im Körper, auf der die Lebensenergie verläuft
  • Reaktion: beschreibt, wie man auf etwas reagiert

Wir nähern uns dem Phänomen langsam an. Es geht bei ASMR also darum, dass unsere menschlichen Sinnesorgane auf gewisse Reize reagieren. Wie hat man sich das konkret vorzustellen?

Das genau passiert bei ASMR

Menschen, die das Phänomen bereits selbst erlebt haben, beschreiben ASMR als ein angenehmes Kribbeln auf der Haut. Der Fachbegriff hierfür lautet Tingles. Dieses Kribbeln verläuft meistens von der Kopfhaut des Hinterkopfes über die obere Wirbelsäule bis hin in den Schulterbereich. Es wird als extrem entspannend und wohltuend beschrieben und mit sanften elektrostatischen Entladungen auf der Haut verglichen.

Darüber hinaus kann ASMR beim Einschlafen helfen. Manche Menschen nutzen es sogar gegen Angststörungen.


Auch spannend: Wie kommt man in den Flow-Zustand?


ASMR kann durch unterschiedliche Reize, sogenannte Trigger, ausgelöst werden. Beispiele für Trigger sind:

  • Flüstern
  • ruhige Stimmen
  • Lippen-Geräusche
  • Hand-Geräusche

Es gibt jedoch ein großes Aber: Nicht jeder Mensch reagiert auf bestimmte Trigger mit ASMR. Für manche Menschen sind die Trigger-Geräusche sogar extrem unangenehm, während wiederum andere Menschen einfach gar nichts verspüren.

Du möchtest wissen, wie Du auf gewisse ASMR-Trigger reagierst? Dann finde es hier heraus mit dieser deutschsprachigen ASMR-Playlist auf YouTube:

Falls Du es noch nicht getan hast, darfst Du auch gerne meinen YouTube-Kanal abonnieren. 😉

Die Geschichte des Begriffes ASMR

ASMR ist zweifelsohne ein YouTube-Phänomen, das durch die Videoplattform erst richtig populär geworden ist. Das erste Flüster-Video erschien 2009 und trug den simplen Namen „Hello“. 2010 wurde der Begriff ASMR überhaupt erst ins Leben gerufen. Wie Du siehst, ist er also noch sehr neu und auch weitestgehend unerforscht, wie wir weiter unten sehen werden.

Seit 2010 hat sich jedoch ein wahrer Trend entwickelt. Es gibt in fast jeder Sprache YouTube-Kanäle, die sich ASMR widmen. Diese Kanäle haben mehrere Millionen Klicks und zum Teil eine 8-stellige Anzahl an Abonnenten. 2021 war „ASMR“ der drittmeist gesuchte Begriff auf YouTube.

Die Betreiber der entsprechenden YouTube-Kanäle bezeichnen sich selbst als ASMR-Artists. Sie sehen sich also als Künstler. Und tatsächlich scheint es so, als sei es eine Kunst, wenn man seinen Zuschauern und Zuhörern mithilfe diverser Trigger ein angenehmes Gefühl gibt oder beim Einschlafen hilft. Manche YouTuber probieren immer neue Trigger aus, um ihr Publikum zu begeistern. Andere von ihnen inszenieren regelrechte Rollenspiele, indem sie beispielsweise einen Friseur-Besuch simulieren.

Wissenschaftliche Untersuchungen

Wie bereits erwähnt, ist das Phänomen noch weitestgehend unerforscht. Einer der ersten Forscher, der ASMR wissenschaftlich untersucht hat, ist der Amerikaner Dr. Craig Richard. Unter anderem hat er die Trigger untersucht. Dabei hat er herausgefunden, dass alle ASMR-Trigger Dinge sind, die man tut, um ein Baby zum Einschlafen zu bringen: flüstern, sanft reden, Aufmerksamkeit schenken, leicht berühren und so weiter. Es scheint also, als seien wir Menschen seit unserer Geburt darauf konditioniert, auf diese Trigger zu reagieren. Diese lösen in uns das gute Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit aus. Oder um es mit den Worten von Dr. Craig Richard zu sagen:

„[Autonome Sensorische Meridian-Reaktion] entsteht, wenn wir von einer fürsorglichen Person positive persönliche Aufmerksamkeit bekommen.“

Dr. Richard hat außerdem mithilfe von Gehirn-Scans Folgendes nachweisen können: ASMR-Videos auf YouTube sprechen bei den Konsumenten dieselben Hirnregionen an, die aktiviert werden, wenn man in der realen Welt von einer fürsorglichen Person angesprochen wird. Übrigens hat Dr. Richard eine tolle TED-Rede über seine Forschungen gehalten, die ich Dir nur wärmstens empfehlen kann:

Des Weiteren hat Dr. Richard eine eigene Webseite, auf der er seine wissenschaftlichen Erkenntnisse zu ASMR vorstellt: https://asmruniversity.com/

Hier ein paar weitere Fakten, die Forscher herausgefunden haben:

  • Eine Studie der Universität Sheffield hat gezeigt, dass das Schauen von ASMR-Videos die Herzfrequenz senkt. Dies ist also ein Beleg dafür, dass der Körper sich entspannt.
  • ASMR lässt den Körper das Bindungshormon Oxytocin produzieren, welches wiederum dafür sorgt, dass man sich entspannt und wohlfühlt.
  • Professor David Huron (Ohio State University) sieht Zusammenhänge zwischen ASMR und Grooming. Letzteres beschreibt die gegenseitige Fellpflege, wie man sie aus dem Tierreich kennt. Und diese Fellpflege wirkt für die Tiere auch extrem entspannend und wohltuend.
  • ASMR ist eine komplexe Emotion (ähnlich wie Nostalgie). Denn man empfindet scheinbar gegenteilige Reaktionen.

Abschließende Gedanken

Autonome Sensorische Meridian-Reaktion ist zweifelsohne ein extrem spannendes Phänomen – gerade für mich als Audio-Experten. Ich finde es faszinierend, wie man mit so einfachen Mitteln eine Atmosphäre der Intimität und der Stille schaffen kann. Bei den meisten Videos auf YouTube ist mir aufgefallen, dass das Rauschen in der Aufnahme häufig sehr laut ist. Aber das stellt kein Problem dar, sondern fördert eher noch die Entspannung. Denn auch weißes Rauschen wirkt beruhigend auf Menschen.

Insgesamt sehe ich viele Möglichkeiten, wie man die heilende Wirkung von ASMR mit anderen akustischen Themen kombinieren kann. Beispielsweise könnte man das Flüstern mit besonderen Klängen wie Solfeggio-Frequenzen oder Naturgeräuschen untermalen. Was ich auf meinem YouTube-Kanal gestartet habe, sind sogenannte „ASMR-Affirmationen“, bei denen ich dem Zuhörer positive Glaubenssätze sanft ins Ohr flüstere. In der ersten Episode geht es passenderweise um das Innere Kind und die Selbstliebe.

Trotz all der positiven Aspekte von ASMR frage ich mich schon, wie es sein kann, dass dieses Phänomen erst seit gut 10 Jahren so bekannt ist. Vielleicht spiegelt es auch ein wenig die Probleme unserer Welt wider, die immer digitaler und steriler wird. Es ist doch schon besorgniserregend, wenn Menschen Videos auf YouTube schauen, um damit die fehlende menschliche Nähe zu kompensieren.

Jetzt würde mich abschließend natürlich noch sehr interessieren, was Deine persönlichen Erfahrungen mit ASMR sind. Hast Du das Kribbeln selbst schon einmal wahrgenommen? Wie fühlt es sich für Dich an? Hast Du bestimmte Trigger, die es auslösen? Oder zählst Du zu den Menschen, die kein angenehmes Gefühl empfinden, sondern denen eher sprichwörtlich die Nackenhaare zu Berge stehen? Lass es mich gerne wissen in den Kommentaren!


** Bildnachweis: Titelbild dieses Beitrages von Yohann LIBOT auf Unsplash


Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.