Wie klingt Stille?

Stille

Heute möchte ich mich der etwas philosophischen Frage widmen, wie Stille klingt. Es gibt tatsächlich mehrere Herangehensweisen, um den Begriff der Stille zu definieren. Dabei werde ich auch zeigen, wie man sich der Thematik bei der Filmvertonung annähert. Außerdem werde ich die Arbeiten eines Klangforschers vorstellen und meine persönlichen Erfahrungen mit einem speziellen akustischen Experiment schildern.

In meinem letzten Artikel habe ich mich dem Thema Lärm beziehungsweise Lärmbelästigung gewidmet. Von daher ist dieser Text über Stille so etwas wie der Gegenpart zum letzten Beitrag.

Zunächst einmal möchte ich die Frage an Dich weiterreichen: Wie würdest Du Stille definieren? Die meisten Menschen würden wahrscheinlich so etwas sagen wie: „Stille ist, wenn gar keine Geräusche da sind.“ Das ist eine nahe liegende Antwort, die aber aus zwei Gründen nicht ganz korrekt ist. Einerseits gibt es in der Natur keinen Ort der absoluten Stille, sodass wir ein derartiges Szenario als unnatürlich empfinden würden. Andererseits würde man in einer Umgebung, die absolut keine Geräusche von sich gibt, doch etwas wahrnehmen: Denn auf einmal hört man die Geräusche der eigenen Blutzirkulation – ein unangenehmes Brummen und Pumpen. Wer schon einmal in einem schalltoten Raum war, weiß, wovon ich spreche. Es fühlt sich wirklich nicht schön an.

Da wir alle aber Stille mit etwas Angenehmen assoziieren, muss es eine andere bessere Definition des Begriffes geben.

Was ist Stille denn dann?

Ähnlich wie bei meinem Beitrag über Lärm möchte ich verschiedene Definitionen von Stille betrachten. Einfach ausgedrückt werde ich die Definitionen von Lärm einfach ins Gegenteil umkehren.

  1. Die subjektive Definition: Stille herrscht dann, wenn keine ungewollten Klänge zu vernehmen sind.
  2. Die wissenschaftliche Definition: Wenn eine Klanglandschaft ausschließlich aus natürlichen Geräuschen besteht, die in die Umgebung passen, spricht man von Stille.
  3. Die medizinische Definition: Stille ist, wenn keine Geräusche vorhanden sind, die die Gesundheit eines Lebewesens (Mensch, Tier, Pflanze) beeinträchtigen.

Auch wenn Stille nicht bedeutet, dass alle Klänge jeglicher Art eliminiert werden: Man kann trotzdem behaupten, dass Stille nach allen drei Definitionen etwas ist, das nicht allzu laut ist.

Stille in Spielfilmen

Ist Dir schon einmal aufgefallen, wie Sound Designer das Phänomen der Stille in Filmen umsetzen? Sie arbeiten nicht nur mit einer geringen Lautstärke, sondern haben noch ein paar andere Techniken:

  • Kleine Details sind auf einmal viel lauter zu vernehmen als normal.
  • Es gibt keine oder nur leise Störgeräusche.
  • Darsteller unterhalten sich in einem flüsternden Tonfall und sind trotzdem sehr gut zu verstehen.

Wenn man all diese Erkenntnisse zusammenfasst, kommt man zu folgender Feststellung: An einem Ort herrscht dann Stille, wenn die Gesamtlautstärke leise ist und keine oder nur sehr leise Störgeräusche zu vernehmen sind. Außerdem kann man Details gut hören, weil sie nicht von anderen Geräuschen überdeckt werden. Man kann sich gut unterhalten – auch über eine größere Entfernung. Insgesamt gehören alle Klänge zur natürlichen Klanglandschaft und es gibt keine Geräusche, die die Gesundheit beeinträchtigen.

Übrigens sind dies auch genau die Kriterien, die für mich als Field Recordist erfüllt sein müssen, wenn ich Naturgeräusche aufnehme. Kommen wir nun zu einem anderen Forscher, der sich auch mit Aufnahmen von Naturgeräuschen beschäftigt hat…

Die Forschungen von Bernie Krause

Wenn man sich mit den Themen Stille und Klanglandschaften beschäftigt, dann kommt man um einen Namen nicht herum: Bernie Krause. Er ist Musiker, Sound Designer und vor allem Klangforscher. Vor ein paar Jahren hat er einen beeindruckenden Vortrag auf der TED-Konferenz gehalten, in dem er seine Forschungsergebnisse aus mehreren Jahrzehnten vorgestellt hat. Du findest den Vortrag im unteren Video.

Eine Soundscape – also eine Klanglandschaft – kann man in drei Komponenten untergliedern:

  • Geophonie: In diese Kategorie fallen alle Klänge, die in einem Biotop auftreten, aber nicht von Lebewesen gemacht sind. Dazu zählen beispielsweise das Rauschen des Windes oder des Wassers.
  • Biophonie: Unter diesem Begriff fasst man alle Geräusche zusammen, die von Organismen aus dem jeweiligen Biotop stammen.
  • Antrophonie: Dies sind alle Klänge, die vom Menschen gemacht sind. Viele dieser Klänge sind Lärm, obwohl es auch ästhetische Geräusche gibt wie zum Beispiel Musik.

Bernie Krause kam zu dem Ergebnis, dass wir zahlreiche Informationen über den Zustand eines Ökosystems erhalten, wenn wir einfach nur bewusst hinhören. Mithilfe von Tonaufnahmen über mehrere Jahrzehnte konnte er zeigen, dass die vom Menschen gemachten Klänge die Geräusche der Natur mehr und mehr verdrängt haben.

Übrigens hat Bernie Krause seine Natur-Aufnahmen ausgestellt. Die Ausstellung nennt sich „The Great Animal Orchestra“ und Du kannst Dir die Aufnahmen auf SoundCloud anhören.

Im Bezug auf Bernie Krauses Forschungen war es spannend, zu sehen, was der Corona-Lockdown für Einflüsse auf unsere akustische Welt hatte.

Die Folgen des Corona-Lockdowns auf die akustische Welt

Im April diesen Jahres habe ich an einem sehr interessanten Projekt teilgenommen, das sich „The Sound Outside“ nennt. Es geht dabei darum, weltweit die Soundscapes der eigenen Heimatorte aufzunehmen, um für die Nachwelt zu dokumentieren, inwieweit der Corona-Lockdown die akustische Welt verändert hat. Und tatsächlich: Die Welt schien sich im Frühjahr 2020 akustisch zu erholen, wenn man das so sagen kann. Du kannst Dir im unteren Video eine 5-minütige Aufnahme von Darmstadt anhören, die im April 2020 entstanden ist.

Ich würde Dir gerne noch von meinen Beobachtungen berichten, die ich durch dieses Experiment erhalten habe:

  • Verkehr: Der Verkehrs- und Fluglärm ist in dieser Zeit signifikant zurückgegangen. Das Grundrauschen ist sehr viel leiser geworden. Vereinzelte laute Geräusche waren auf einmal auch viel seltener.
  • Natur und Tierwelt: Es schien, als würden sich die Tiere ihren Lebensraum wieder zurückerobern. Die Tierlaute waren einerseits sehr viel lauter zu vernehmen, weil sie nicht von anderen Geräuschen überdeckt wurden. Andererseits kamen die Tiere (vor allem Vögel) wieder sehr viel näher an die Häuser heran. Sie wirkten insgesamt einfach aktiver.
  • Kommunikation: Man konnte sich in einem sehr dezenten Ton unterhalten, weil man nicht akustisch gegen die Lautstärke der anderen Geräusche „ankämpfen“ musste.

Übrigens habe ich zum Thema Corona-Soundscape auch einen englischsprachigen Artikel geschrieben, in dem ich erkläre, warum der Lockdown uns helfen kann, wieder bewusster zu hören. Ich habe darüber hinaus auch einen Text in deutscher Sprache veröffentlicht, in dem ich die Soundscape während des Lockdowns genauer analysiere.

Zusammenfassung

Wir haben gesehen, dass sich Stille ähnlich wie Lärm nicht so einfach definieren lässt. Es gibt eine subjektive, eine wissenschaftliche und eine medizinische Herangehensweise. Selbst Filme haben eine ganz eigene Art, wie sie Stille in der Tonspur umsetzen.

Naturaufnahmen zeigen, dass Orte der Ruhe in unserer Natur immer seltener werden. Nichtsdestotrotz hat der Lockdown 2020 sehr interessante Einflüsse auf die akustische Welt der Tier gehabt.

Was bedeutet Stille für Dich? Gibt es bestimmte Orte der Ruhe, an denen Du Dich gerne aufhältst, um wieder aufzutanken? Gibt es Meditationsmusik, die Du gerne hörst? Schreibe Deine Erlebnisse zu dem Thema gerne in die Kommentare!


** Bildnachweis: Titelbild dieses Beitrages von Amy Tran auf Unsplash


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