Klang und Stille – (k)ein Widerspruch?!

Schild fordert zu Stille auf

Was bedeutet das Wort Stille für Dich? Was verbindest Du jetzt gerade in diesem Moment damit?

Auf diese Fragen hat meist jeder Mensch eine ganz individuelle Antwort. Bevor ich angefangen habe, mich mit Klängen und Meditation zu beschäftigen, hätte ich mich wohl dem angeschlossen, was das Internet als Erklärung ausspuckt:

„In der deutschen Sprache wird Stille bezeichnet mit empfundener Lautlosigkeit, Abwesenheit jeglichen Geräusches, aber auch Bewegungslosigkeit.“

Was hat sich mittlerweile für mich geändert und warum?

In einer Ausbildungsgruppe habe ich Meditation kennengelernt. Als ich zum ersten Mal alleine in Stille zuhause meditieren wollte, wurde ich damit konfrontiert, wie laut es in mir sein kann – auch wenn im Außen kein Geräusch vorhanden ist. Es ist erstaunlich, wie viele Gedanken da sein können und wie viel ich spüre. Das bezieht sich auf meinen Körper, aber auch auf Gefühle, die ich sonst so gar nicht wahrnehme. Da ist ganz viel los bei mir in diesem Moment und es liegt nicht am Außen. Ich sitze einfach nur da, in einem angenehmen Raum, alleine. Niemand spricht mich an oder will etwas von mir. Eigentlich sollte es mir doch leichtfallen, mich entspannen zu können und die Ruhe zu genießen.

Ich bleibe fünf Minuten in der Situation und bin überrascht, was da alles kommt. Ich bin besonders froh über den Hinweis meiner Ausbilderin: „Wenn Gedanken kommen, ist das in Ordnung. Stelle Dir vor, sie sind Wolken am Himmel, die Du einfach weiterziehen lassen darfst, ohne ihnen besondere Aufmerksamkeit zu schenken und ohne Dich näher mit ihnen zu beschäftigen. Bleib‘ einfach bei dir.“

Mittlerweile weiß ich, dass es viele Menschen gibt, die an Stille erst einmal nichts Erholsames oder Heilsames für sich finden können – ganz im Gegenteil. Aber gerade deshalb finde ich es wichtig, dass wir uns mit dem Thema beschäftigen. Denn es kann uns passieren, dass wir in Situationen mit Stille konfrontiert sein können – ganz unverhofft.

Das Schöne ist, dass es sich üben lässt, in Stille für sich etwas Gutes zu finden. Es kommt nicht mit einem Fingerschnipsen, weil wir es gerade jetzt wollen, sondern es ist ein Weg, eine ganzheitliche Erfahrung. Das kann spirituell sein, ebenso aber logisch und rationell. Und ich bin dafür, dass es ein individueller Weg sein darf. Jeder Mensch reagiert in herausfordernden Situationen ganz individuell. Was eine Person stresst und überfordert, ist für eine andere Person genau richtig. Stille ist für mich eher so etwas wie ein Platzhalter für Energie. Sie ist die Präsenz, die es uns ermöglicht, dass wir uns einlassen können.

Und weil ich neugierig bin, habe ich Klänge als weitere Komponente mit in meinen Meditationsablauf genommen. Nicht, um mich von der Stille abzulenken, sondern um die Stille gemeinsam mit einem Begleiter kennenzulernen und mich ihr in meinem Tempo anzunähern. Hiermit meine ich geleitete Meditationen mit Klang und Gong aus der Perspektive als Teilnehmerin: ich in meiner Praxis, die Instrumente selbst für mich spielend. In Gehmeditation mit den Klängen der Natur. Ebenso ist ein Klangkonzert möglich, bei dem ich mehrere Klangschalen anschlage. Oder aber ich benutze nur eine Klangschale, die ich nur einige wenige Male anschlage. Ich bin jedoch häufig auch die Person, die andere mit Klang und Stimme begleitet. Wichtig ist hier nachzufragen, was für andere Personen bedeutsam ist.

Was ist das Besondere an Klängen?

Rein physikalisch sind Klänge Schwingungen, die durch Schall übertragen werden. Schall umfasst alles, was wir mit unseren menschlichen Ohren wahrnehmen können. Aber Klang berührt uns auch darüber, dass er sich in Form von Schwingungen ausbreitet.

Bestimmt hast Du schon einmal einen Stein in einen See geworfen oder dies beobachtet. Erinnerst Du Dich, was dabei passiert ist? Die zuvor relativ ruhig daliegende Wasseroberfläche wird nur von der Stelle aus, an der der Stein in den See gefallen ist, in Bewegung versetzt. Dies geschieht in gleichmäßigen harmonischen Kreisen, die sich rund um die Stelle herum immer weiter und weiter ausbreiten.

Unser Körper besteht zu 70 bis 85% aus Wasser. Wir nehmen die Schwingungen von Klängen ebenfalls mit unserer Körperoberfläche wahr, ähnlich dem Beispiel des Sees. Sie können gegebenenfalls den ganzen Körper umfassen. Dafür ist es nicht notwendig, Instrumente auf dem Körper aufzustellen oder Berührung direkt herzustellen. Es reicht bereits aus, dass wir über unsere Sinne in Kontakt kommen oder dass wir uns im Umfeld der Klangquelle befinden.

Tastsinn und Hörsinn entwickeln sich beim Menschen bereits im Mutterleib. So sind wir damit bereits sehr früh im Leben verbunden und nehmen Impulse und Reize wahr. Der Herzschlag der Mutter, ihre Stimme, ebenso Geräusche aus dem direkten Körperumfeld der Mutter. Dies sind die ersten Klänge und Rhythmen, die der kleine, sich entwickelnde Mensch fühlt und erlebt. Dies begleitet jeden Einzelnen von uns auf dem weiteren Lebensweg und es werden viele weitere Erlebnisse diesbezüglich hinzukommen.

Und wenn wir dann auf der Welt sind, ist unser Hörsinn stets damit beschäftigt, die Umwelt daraufhin zu scannen, ob wir gerade in Sicherheit sind oder ob Gefahr drohen könnte. Das gehört zu unserem aus der Urzeit stammenden Körper-Notfallprogramm – auch heute noch, wo wir dies selten wirklich benötigen. Deshalb ist es hilfreich herauszufinden, wie Du Ruhe in Körper, Geist und Seele bringen kannst. Wie können wir unserem Unterbewusstsein signalisieren, dass wir in Sicherheit sind? Klänge in bestimmten Frequenzen und Wiederholungen können hier wahre Wunder bewirken.

Klangmeditation kann aufgrund dieser Basis Räume öffnen und dem Mensch die Möglichkeit geben, den Raum für sich einzunehmen, den er/sie gerade braucht.

Klang kann begleiten, tragen, Dich umhüllen, Dir Schutz bieten – aber ebenso Dich kraftvoll, kreativ und mutig werden lassen. Klang kann Dich unterstützen, damit Du dir selbst und anderen gegenüber gelassen und entspannt bleibst.

Vielleicht fragst Du Dich jetzt: „Und das alles kann Klang?“ Meine Antwort lautet: „Ja und nein. Klang kann vieles unterstützen und begleiten. Aber Du bist die Person, die hört, lauscht und fühlt, mit den Klängen und auch mit der Stille in Kontakt gehen kann oder auch nicht.“

Klang an sich hat nicht generell etwas Heilsames und Gutes, sondern kann auch störend und in unangenehmer Form verwendet werden. Mir ist dieser Aspekt besonders wichtig, damit nicht der Eindruck entsteht, dass die Verwendung von Klang in einer gewissen Art und Weise ausschlaggebend ist und gegebenenfalls erduldet werden muss, um ein vorbestimmtes und gewünschtes Ergebnis zu erhalten. Traue Dir selbst das Urteil zu, ob ein bestimmter Klang oder ein bestimmtes Instrument im jeweiligen Moment gerade gut für Dich sind. Empfindest Du den Klang als hilfreich, aktivierend oder unangenehm? Vielleicht sogar als schmerzlich oder etwas ganz anderes? Und traue Dich, diese Wahrnehmung auszusprechen und danach zu handeln. Das bedeutet: Nimm Deine eigene Wahrnehmung ernst und sei selbstfürsorglich. Wenn Du einen Klang nicht magst oder ihn als unangenehm empfindest, ist das völlig in Ordnung und richtig für Dich in diesem Moment. Dabei ist es vollkommen egal, ob zehn andere Personen genau diesen Klang gerade mögen.

Viele Menschen können bereits bei der ersten Klangmeditation in einen Zustand der Entspannung kommen. Bei Entspannung fährt der Sympathikus seine Aktivität zurück und der Parasympathikus wird aktiviert. Dies kann sich auch durch eine veränderte Atmung und einen verringerten Muskeltonus zeigen.

Die eigene Atmung bewusst zur Entspannung nutzen zu können, ist ebenfalls ein wichtiger Aspekt. Menschen, die gestresst sind, atmen im Brustbereich und meist durch den Mund. Menschen, die entspannt sind, atmen bis tief in den Bauch hinein und nutzen die Nase.

Schon allein dieses Wissen kannst Du zukünftig in einer stressigen Situation aktiv für Dich einsetzen. Du brauchst keine weiteren Hilfsmittel und kannst Deinem Körper trotzdem direkt Entspannungsimpulse senden, indem Du Deiner Atmung Aufmerksamkeit schenkst. Atme ruhig durch die Nase und in den Bauch. Wenn Du dann noch etwas länger ausatmest als Du einatmest, kann das einen zusätzlichen Entspannungsimpuls schaffen.

Was ist das Besondere an Klangschalen?

Ich verrate Dir ein Geheimnis: Ich habe zu Beginn nur Saiteninstrumente – wie beispielweise ein Monochord – verwendet und Trommeln gespielt. An Klangschalen hatte ich erst einmal kein Interesse. Und weißt Du, was mich überzeugt hat? Es war die Erkenntnis, wie sich der Klang einer Klangschale verhält. Das hat mich tief berührt, denn diese Art und Weise ergänzt sich perfekt mit dem, was ich an Individualität so wichtig finde.

Die Einfachheit der Klänge macht sie für mich so wertvoll, denn sie fallen aus dem Raster heraus, wonach wir normalerweise schöne oder unangenehme Musik wie zum Beispiel im Radio oder in einem Konzert beurteilen. Eine Unterscheidung in musikalisch und unmusikalisch ist somit überflüssig, da andere Aspekte zum Tragen kommen.

Der Klang einer Klangschale ist eine Kombination aus Geräusch und Tönen, aber ohne Notenzuordnung. Das Klangerlebnis hängt davon ab, wie und womit ich Klangschalen anschlage. Dabei gibt es aber keine genau festgelegte Reihenfolge an immer gleich abrufbaren Tönen. Klangschalen werden mit sogenannten Schlegeln angespielt, die in unterschiedlichen Materialien verwendet werden. Wenn ich mit demselben Schlegel dieselbe Schale mehrfach anschlage, können unterschiedliche Klänge beziehungsweise Klangeffekte entstehen. Je größer und schwerer die Klangschale ist, desto tiefer kann ihr Ton werden. Tiefe Töne werden oft mit Erdung, Orientierung und Sicherheit in Verbindung gebracht, während höhere Töne von kleineren Schalen für Leichtigkeit, Kreativität oder Schweben stehen können.

Auch wenn das physikalische Verhältnis von Grund- und Obertönen bei einer Klangschale nicht im herkömmlichen Verständnis als harmonisch bezeichnet werden kann, so wird ihr typischer Klang als Höreindruck von den meisten Menschen dennoch als harmonisch beschrieben und als entspannend wahrgenommen. Manche Menschen verwenden auch die Begriffe „sphärisch“ und „tragend“. Deshalb ist es wichtig, die eigenen Wünsche an das Klangerlebnis ganz für sich selbst zu erkunden. Diese Bedürfnisse können sich mit der Zeit auch verändern.

Was ist noch wichtig bei einer Klangmeditation?

Ich kenne meine Klangschalen und meine Schlegel sehr genau. Ich habe mich intensiv mit ihnen beschäftigt und weiß beim Spiel, was ich tun möchte: Sinn entsteht durch Absicht.

Wichtig ist auch, dass ich zuerst Ruhe beziehungsweise Stille in mir selbst habe und genießen kann. Denn was im inneren Raum ist, wird für mein Gegenüber auch im tatsächlichen Raum wahrnehmbar sein. Vielleicht wird die Person es nicht in Worten benennen können, aber mit Sicherheit ist spürbar, wie es gerade in mir selbst aussieht.

Das bedeutet jedoch nicht, dass es immer komplett still sein muss. Es gibt kaum einen Ort, an dem es wirklich still ist. Bestehende Geräusche (beispielsweise das Rattern einer Heizung, das Knarzen eines Holzbodens oder Ähnliches) können positiv mit in das Spiel integriert werden, so dass die Geräusche eventuell sogar als Bereicherung wahrgenommen werden. Lediglich Geräusche mit Alarmcharakter (wie zum Beispiel Sirenen) können verständlicherweise nicht mit verwendet werden.

Was mir darüber hinaus noch wichtig ist: Nicht das Spielen des Instruments alleine kann entscheiden, ob die Klangmeditation beim zuhörenden Menschen ankommt. Jeder Mensch hat eigene Erfahrungen und in sich abgespeicherte Klangerlebnisse; mein Ausbilder nennt dies Klangbibliothek. Darin ist enthalten, was schön für die Person ist und was gute sowie angenehme Erinnerungen weckt. Ebenso findet sich dort, was unangenehm oder gar schlimm wahrgenommen wird – inklusive der dazu gehörigen Erinnerungen. Es kann richtig Spaß machen und ist sehr interessant, die eigene Klangbibliothek zu erforschen. Vor allem dann, wenn man in Begleitung auf diese magische Reise geht. Hast Du an dieser magischen Klangreise Interesse? Sowohl vor Ort als auch online ist dies problemlos möglich.


Über die Autorin:

Martina Pirmann Profilbild rund

Martina Pirmann ist Heilpraktikerin begrenzt auf das Gebiet der Psychotherapie (nach dem Heilpraktikergesetz), Mentorin und EMDR-Begleiterin. Sie ist seit 2020 in eigener EMDR- und Klangpraxis in Zweibrücken tätig. Ihre Themengebiete hier: Ängste und belastende Erlebnisse/Erinnerungen loslassen, Kraft für neue Wege & Lösungen gewinnen. Hierbei arbeitet sie mit Klangentspannung, Imaginationstechniken, EMDR und Atementspannung.
Profile: Martina Pirmann auf Instagram; ihre Webseite mit dem Schwerpunkt EMDR


** Bildnachweis: Titelbild dieses Beitrags von Nick Fewings auf Unsplash


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